Archive for Mai 2011

Menschenwürdige Arbeit für unseren Sportdress

Menschenwürdige Arbeit für unseren Sportdress

Veranstaltung des Nord-Süd-Forum

Die bald beginnende Fußballweltmeisterschaft der Frauen in Deutschland ist Anlass, die Hersteller und Vertreiber von Sportartikeln auf ihre Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben hinzuweisen.

Unter welchen Bedingungen werden Sporttrikots für die großen Markenfirmen in El Salvador hergestellt? Auf Einladung der Christlichen Initiative Romero hielt die Geschäftsführerin der Frauenorganisation „Mujeres Transformando“, Montserrat Arévalo, auf ihrer Rundreise durch Deutschland auch in Bensheim einen Vortrag. Die Organisation wurde im Jahr 2003 gegründet, um die Rechte der Arbeiterinnen in den Nähfabriken der Sonderwirtschaftszonen El Salvadors zu stärken. In den Unternehmen wird die Bildung von Arbeitnehmerinnen-Vertretungen systematisch unterdrückt. Die Näherinnen sind über ihre Rechte und die Möglichkeit, sie durchzusetzen, nicht informiert. „Mujeres Transformando gibt den Arbeiterinnen eine Grundausbildung in Arbeitsrecht, ermutigt sie, Arbeitsrechtsverletzungen anzuzeigen und gewährt kostenfreien juristischen Beistand. Ohne einen Anwalt gelingt es kaum, vor Gericht oder beim Arbeitsministerium Gehör zu finden.

Die Behörden arbeiten häufig mit den Managern zusammen, Kontrollen werden meist vorher angekündigt. So war es auch in der Firma Ocean Sky, bei der 1.500 Arbeitnehmerinnen beschäftigt sind, bis die Frauenorganisation von April bis Oktober 2010 eine Untersuchung über die Zustände in der Fabrik durchführte und präsentierte. Neben der niedrigen Entlohnung wurde dokumentiert, dass das Trinkwasser mit Fäkalien verseucht war, dass es überall Überwachungskameras, auch in den Toiletten, gab, dass Überstunden verpflichtend waren, dass in den Räumen bis zu 37 Grad Hitze herrschte und die Frauen immer wieder gedemütigt und misshandelt wurden. Manchen wurden genähte Kleidungsstücke ins Gesicht geworfen. Sechs Frauen, die ihre Kolleginnen gewarnt hatten, das verseuchte Wasser zu trinken, wurden entlassen.

Die Fabrik und ihre Einkäufer, zu denen u.a. Adidas/Reebok, Puma, Gap und Columbia zählen, haben inzwischen eingesehen, dass es gravierende Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in der Fabrik gab und sich dazu verpflichtet, diese Probleme zu beheben. Seitdem hat sich einiges getan. Türen und Fenster, die zuvor verschlossen waren, wurden geöffnet, um mehr Licht und Luft einzulassen. Außerdem wurden weitere Lüftungsventilatoren installiert. Die Betriebsführung hat Maßnahmen ergriffen, um die Verunreinigung des Trinkwassers der Fabrik zu beseitigen und seine Qualität zu erhöhen. Auch die Behandlung der ArbeiterInnen durch die AufseherInnen soll verbessert werden: Beschimpfungen sind verboten und die AufseherInnen werden an Schulungen zu Kommunikation und Umgang mit den ArbeiterInnen teilnehmen.
Auch im Hinblick auf Arbeitsrechte wurden Fortschritte erzielt: Erzwungene Überstunden wurden abgeschafft, jegliche Überstunden sind nun freiwillig. Zudem erhalten die ArbeiterInnen Kopien ihrer detaillierten Gehaltsabrechnung, die auf Spanisch dokumentiert, wie viel sie bezahlt bekommen. Dadurch können sie nachvollziehen und prüfen, welche Stunden sie bezahlt bekommen, wie hoch der Lohnsatz ist und welche Abzüge vorgenommen wurden. Es kommt jetzt darauf, die Verbesserungen auch dann noch zu erhalten, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit nachlässt.

Erhalten bleibt das Problem der Entlohnung, die für den Lebensunterhalt nicht ausreicht. Auch eine Erhöhung des monatlichen Einkommens auf 187 US-Dollar liegt weit unter dem vom Wirtschaftsministerium errechneten Existenzminimum von 257 US-Dollar. Wenn man bedenkt, dass der Lohnanteil am Verkaufspreis eines Trikots nur 0,3 bis 0,6 Prozent ausmacht, würde eine Verdoppelung kaum zur Erhöhung des Endpreises führen.

Frau Arévalo machte deutlich, dass es nicht im Interesse der Arbeiterinnen wäre, die Sportmarken zu boykottieren. Durch bessere Kontrollen sollen sie „Teil der Lösung“ werden. Die Markenfirmen müssen ihre Verhaltenkodizes tatsächlich durchsetzen und die Kunden sollen hinterfragen, was die Markenfirmen behaupten und sich informieren, „was wirklich geschieht“. An dem Beispiel Ocean Sky lässt sich zeigen, dass es sich nicht um einen Ausnahmefall handelt, sondern um „ein System der Ausbeutung von Frauen in der Sportartikelindustrie weltweit“, wie sich ein Veranstaltungsteilnehmer äußerte.

Bensheim, 01.06.2011

Karl Kerschgens

Tel: 06251-103858

Mehr Informationen unter www.ci-romero.de

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