Archive for Juni 2010

Biosprit macht Hunger

Es gibt manche Möglichkeiten, aus Biomasse Energie zu gewinnen.
Die bekannteste ist natürlich das Verbrennen von Holz, außerdem war lange die Produktion von Holzkohle die Voraussetzung für die Gewinnung von Metall aus Erzen. Ebenfalls seit Jahrtausenden wird der Kot von Tieren als Brennmaterial verwendet, besonders von Nomaden, die ihn nicht als Dünger verwenden können. Aber auch in holzarmen Gegenden wird er so eingesetzt, z.B. recht häufig in Indien. Zwar geht damit natürlicher Dünger verloren, wenn aber dadurch vermieden wird, dass die letzten Pflanzen ausgerottet werden, wird es trotzdem sinnvoll sein.
In letzter Zeit wird die Produktion von Biogas propagiert. So können landwirtschaftliche Abfälle und Wildpflanzen zur Energiegewinnung eingesetzt werden.
Umweltschützer waren von solch nachhaltiger Energieproduktion so fasziniert, dass sie sich auch eine Möglichkeit, damit in größerem Umfang Erdöl einzusparen versprachen. Denn wenn man pflanzliche Rohstoffe als Ausgangsstoff für die Herstellung von Kraftstoff einsetzte, dann gelänge es, fossile Rohstoffe, deren Erneuerung Jahrmillionen braucht, durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen.
Alkohol, umweltfreundlicher Bioethanol genannt, lässt sich aus stärkehaltigen Pflanzen wie Mais, Weizen und Zuckerrohr gewinnen, Biodiesel aus ölhaltigen Pflanzen wie Soja, Raps und Ölpalmen. Solche umweltfreundlichen Produkte wurden auch sogleich subventioniert, so dass z.B. in Brasilen Alkohol schon zum vorherrschenden Kraftstoff geworden ist.
Was man in der ersten Begeisterung nicht genügend beachtet hatte, war, dass es hier nicht mehr um landwirtschaftlichen Abfall ging, sondern um hochwertige Nahrungsmittel, die so der Lebensmittelproduktion entzogen wurden. In der EU mit ihrer landwirtschaftlichen Überproduktion mochte das Sinn haben, doch ganz gewiss nicht in Brasilien, wenn dafür Regenwald gerodet wurde, um angeblich nachhaltigen Treibstoff zu produzieren. (In Brasilien nimmt die Anbaufläche für Agrarkraftstoffe inzwischen eine Fläche dreimal so groß wie Deutschland ein.)
Dass inzwischen so viel Anbaufläche für Agrarkraftstoffe verbraucht wird, hat erheblich zur Steigerung der Lebensmittelkosten beigetragen. (Je nach Land wird der Anteil der Steigerung der Lebensmittelpreise seit 2005, der auf reduzierte Anbauflächen zurückgeht, auf 30% bis 70% geschätzt.) Dabei liegt das Einsparpotential von Agrarkraftstoffen gegenüber Erdöl nur bei 10 – 30 Prozent. Effektiver wäre es, Einsparmöglichkeiten über Beendigung der Subventionierung des Flugverkehrs, über Kraftfahrzeuge mit geringerem Verbrauch und durch Einsatz von Solarstrom zu unterstützen.
Der brasilianische Theologe Frei Betto kritisiert diese Politik daher sehr energisch: „Angesichts des Hungers in der Welt ist die Produktion von Agrosprit unverantwortlich und unmenschlich.“

Ausstellung in Bensheim:

Mehr dazu erfährt man in der Ausstellung „abgeerntet“ Wer ernährt die Welt? im Haus am Markt, noch bis zum 2.7. geöffnet von 16-18:00 Uhr.

Literatur:
Caritas International (Hrsg.): Volle Tanks – leere Teller – Der Preis für Agrarkraftstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung, Lambertus 2007

Link:
http://www.biofuelwatch.org.uk/

Ein (kleines) Handlungsangebot:
Dies  Flugblatt zur Weitergabe an Tankstellenpächter kann man auch bei  Regenwald.org herunterladen.

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Ausstellung „abgeerntet“

Die Ausstellung „abgeerntet“war in der Skulpturengalerie  im Haus am Markt, Am Marktplatz 1, vom 14.6. bis 2.7.2010  zu sehen.

Wenn man fair gehandelte Produkte kaufen will, kann man das im Welt-Laden Sankt Georg Am Marktplatz 10, Tel. 06251-66730 – Öffnungszeiten: Do 15:30-17:30;  Fr 10:00-12:00 Uhr, Sa, So (in den Ferien nur Sa/So geöffnet)

Kurzeinführungen zu Themen der Ausstellung:

Überlebenskampf ohne Gewalt
Land Grabbing, zu deutsch: Landraub
Biologische Vielfalt
Biopiraterie

In der Ausstellung sind auch Fotos von verschiedenen Familien aus Europa und aus Entwicklungsländern zu sehen und, wie viele Produkte sie im Durchschnitt in einer Woche verbrauchen.

Links zu Themen der Ausstellung:
Ausführliche Information zu „land grabbing“ (englisch)
Aufruf zu Protest gegen Ausverkauf von Ackerland von Kleinbauern
Internationale Organisation von Kleinbauern zum Kampf für Ernährungssouveränität (englisch)
Nyéléni 2007 – Forum for Food Sovereignty. 23rd – 27th February 2007. Sélingué. Mali
Food First

Interkulturelles Fest am 26.6.2010

Stand des Nord-Süd-Forums (Das Bild wird nach 2x Anklicken deutlich größer)

Ausstellung von Kinderbildern

Internationaler Markt in Bensheim 25./26. Juni 2010

Eindrücke vom Internationalen Markt am 25.6.2010

Deutsche Kinder lernen Arbeiten von Kindern in Entwicklungsländern kennen.

Wassermangel ist in der Dritten Welt ein großes Problem.

Die Bilder zeigen Kinder und Ausstellungsgegenstände von Ständen des Nord-Süd Forums und der Schillerschule.

Darf Leben patentiert werden?

Biopiraterie ist ein polemischer Begriff, der sich darauf bezieht, dass sich Konzerne Pflanzen, Tiere und deren Gene patentieren lassen, die in vielen Jahrhunderten oder Jahrtausenden von regionalen Gemeinschaften entdeckt oder gezüchtet worden sind.

So haben sie erreicht, dass Hunderttausende von Kleinbauern daran gehindert wurden, das in ihrer Kultur entwickelte Saatgut weiter zu züchten, und dass sie so in den Ruin getrieben wurden.

Anders als beim Land Grabbing wird bei Biopiraterie freilich keine Gewalt eingesetzt, und der Anfang ist von wissenschaftlicher Forschung gar nicht zu unterscheiden:

Wissenschaftler besuchen bisher unerforschte Gebiete – besonders erfolgreich sind sie wegen seiner Artenvielfalt im Regenwald – und befragen die Einheimischen, zum Teil Menschen, die noch im Steinzeitalter leben, nach ihren traditionellen Heilmitteln. Dann kaufen sie einzelne Exemplare bzw. tauschen sie ein, sie sind ja keine Diebe, und untersuchen sie im Labor auf die enthaltenen Wirkstoffe.

Sie sind doch rechte Helfer der Menschheit, da sie ein Geheimwissen, das früher nur wenigen hundert oder tausend Menschen zur Verfügung stand, der ganzen Menshheit zugute kommen lassen – bzw. dem Teil der Menschheit, der die daraus entwickelten Präparate bezahlen kann.

Dass der Konzern, der diese Arbeit finanziert, daran verdienen will, muss man doch verstehen. Und der Einheimische ist ja bezahlt worden. Nicht wie früher mit Glasperlen, nein mit 50 Dollar oder gar 100 Euro, die der Einheimische erhält, wenn der Konzern seine 50 Millionen oder 2 Milliarden Dollar (oder Euro) Gewinn macht.

Was soll daran falsch sein?

In einzelnen Fällen gibt es freilich Ausnahmen. Das Europäische Patentamt hatte bereits ein Patent auf das Öl des indischen Niembaumes erteilt, das in Indien seit Jahrtausenden als natürliches Pflanzenschutzmittel verwendet wird. Doch dann kam es zu Protesten, bei denen auch Vandana Shiva, Trägerin des Alternativen Nobelpreises von 1993, mitwirkte. Ihre Kritik ist ganz grundsätzlich:

Nachdem der Kolonialismus in seiner ersten Auflage Kontinente erobert und ihre ursprünglichen Bewohner überfallen, ausgebeutet und versklavt habe, wende sich der neue Kolonialismus den Innenräumen der Körper zu. Leben dürfe nicht privatisierbar und patentierbar werden.

Inzwischen ist das Patent aufgehoben und das „geistige Eigentum“ des Konzerns am heiligen Öl der Inder gilt nicht mehr.

Ob der Fall Schule macht? Wenn die Betroffenen keinen Druck aufbauen, wird das Europäische Patentamt sicher weiter den Konzernen solche Patente erteilen. (Zum Fall Basmatireis sieh hier!)

In der Ausstellung „abgeerntet“, die gegenwärtig im Rahmen der Internationalen Woche in Bensheim im Haus am Markt  zu sehen ist, wird aufgezeigt, wie Biopiraterie dabei mitwirkt, die biologische Vielfalt zu zerstören und Millionen von Kleinbauern zum Hunger zu verdammen. Dort ist auch das Infoblatt Biopiraterie erhältlich, das diesem Blogbeitrag u.a. zugrunde liegt.

Literaturhinweis:

Michael Frein, Hartmut Meyer: Die Biopiraten. Milliardengeschäfte der Pharmaindustrie mit dem Bauplan der Natur. Berlin 2008, ISBN 978-3-430-30022-3

Links:

Kampagne gegen Biopiraterie

Kein Patent auf Leben

Patente auf Algorithmen und Leben (Seite des Netzwerks Freies Wissen)

Landraub an Kleinbauern

Was wir aus dem Kolonialismus kennen, die Aneignung des Besitzes anderer Völker, die in Nordamerika zur Vertreibung und beinahe völligen Vernichtung derindianischen Urbevölkerung geführt hat, wiederholt sich gegenwärtig unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts hundertfach.
Land wird ohne Berücksichtigung der Menschen, die auf dem Land leben und es für ihren Lebensunterhalt brauchen, aufgekauft über Kaufverträge, von denen die Besitzer des Landes erst hören, wenn sie längst abgeschlossen sind und es schon an die Vertreibung der Besitzer geht. (land grabbing)
In den letzten viereinhalb Jahren sind über zwanzig Millionen Hektar Ackerland in Afrika, Asien und Lateinamerika an ausländische Investoren verkauft oder auf mehrere Jahrzehnte hin verpachtet worden (für die Zeit von 2006 bis 2009 liegen die Schätzungen zwischen 22 und 50 Millionen Hektar). Aussagekräftig werden für uns die Zahlen, wenn wir bedenken, dass die Ackerfläche der gesamten erweiterten Europäischen Union gegenwärtig 97 Millionen Hektar beträgt. Wenn sich die Investoren auf die EU konzentriert hätten, wäre also in vier Jahren die gesamte Ackerfläche Deutschlands, Frankreichs und der Beneluxländer in ausländischen Besitz übergegangen.

Wer kauft Land?
Das sind zum einen Länder, mit industrieller Entwicklung, deren landwirtschaftliche Produktion nicht ausreicht, ihre Bevölkerung zu versorgen und die sich so autark machen wollen. Dazu gehören insbesondere einiger reiche Golfstaaten, Südkorea und China. So wird gegenwärtig aus Äthiopien, dessen Bevölkerung stark vom Hunger bedroht ist, in großem Umfang Reis von Farmen in saudiarabischen Besitz nach Saudiarabien geliefert.
Private Investoren aus den Industriestaaten konzentrieren sich vor allem auf den Anbau von Energiepflanzen, um Agrarkraftstoffe als Ersatz für das knapper werdende Erdöl zu produzieren. Dabei tut sich besonders die schwedische Firma Sekab hervor, die in Mosambik auf über 100 000 Hektar Energiepflanzen anbauen will.
Agrarland wird aber auch von Spekulanten (besonders Banken und Investmentfonds) gekauft, die im Zuge der Finanzkrise auf Objekte umsteigen wollen, die langfristig knapper werden. Je mehr Spekulanten einsteigen, desto schneller steigen die Preise und desto eher lohnt sich ihre Investition.

Sind Investitionen in die Landwirtschaft etwa nicht sinnvoll?
Wenn es darum ginge, mehr Nahrungsmittel für die Bevölkerung der Länder in Hungerregionen zu produzieren, wären sie ein Segen. Statt dessen wird das Kapital verwendet, um Land der Nahrungsmittelproduktion zu entfremden.
Dabei lässt sich der Vorwurf nicht allein einigen Investoren der letzten Jahre machen. Insgesamt ist der Anteil der Entwicklungshilfe von OECD-Ländern, der in landwirtschaftliche Hilfe gesteckt wird in den letzten 25 Jahren von 17 auf 4 Prozent zurückgegangen.

Was wird gegen diese Entwicklung getan?
Die G8-Staaten und die Weltbank planen gegenwärtig zusammen mit der Agrarindustrie Prinzipien zur Regulierung solcher Investitionen. Dabei soll freilich das Freiwilligkeitsprinzip gelten. Daraus kann man schließen, dass es primär um eine PR-Maßnahme der Agrarindustrie geht.
Die Organisation Inkota, von der ich meine Informationen habe, macht durch Aktionen auf den Landraub aufmerksam und unterstützt in Mozambik ORAM, einen Verband von Bauernorganisationen, in Landrechtsfragen, um sie vor Landraub/land grabbing zu schützen.

Mehr dazu erfährt man in der Ausstellung „abgeerntet“ in Bensheim im Haus am Markt.

Links:
Ausführliche Information zu „land grabbing“ (englisch)
Aufruf zu Protest gegen Ausverkauf von Ackerland von Kleinbauern

Land grabbing in Europa (pdf)

Zusammenstellung von weiteren Links